"Anthropologisch grundlegende Art des Lernens ist die spielerische Wissenvermittlung" | KIDS.TEENS & MARKE

"Anthropologisch grundlegende Art des Lernens ist die spielerische Wissenvermittlung"

Dr. Nicolas Dierks - Philosoph, Autor, Speaker

19. Februar 2018

Dr. Nicolas Dierks, Jg. 1973, begeistert Menschen für neue Perspektiven - mit Vorträgen, Workshops, dem SPIEGEL-Bestseller "Was tue ich hier eigentlich?" (Rowohlt 2014) und "Luft nach oben: Philosophische Strategien für ein besseres Leben" (Rowohlt 2017). 2018 erscheinen die ersten beiden Bände einer neuen Philosophiereihe für Jugendliche im renommierten Thienemann-Verlag. Der promovierte Philosoph lebt in der Nähe von Lüneburg und gibt an der dortigen Leuphana Universität Seminare in Wissenschaftstheorie. Er berät Unternehmen zum Thema Innovation, trinkt gerne guten Espresso und vermittelt Philosophie mit Leidenschaft und Humor.

Welche Bedeutung hat Spielen heute?
Spielen war für Menschen schon immer sehr wichtig - und nicht nur für Menschen. Auch andere Spezies spielen, wie Hunde, Katzen oder manche Vogelarten. Das Spielen gehört zu unserer Natur. Heute sind wir aufgrund unserer Lebensweise, unserer großen Freiheiten und auch durch die technischen Möglichkeiten in der Lage, dem Spielen sehr viel Raum zu geben. Das ist in vielen Lebensbereichen zu merken - im Business-Kontext gibt es allerdings noch viel zu tun.

Ist Spielen ein Grundbedürfnis von Menschen?
Davon bin ich überzeugt. Spielen ist Teil aller Kulturen, die uns bekannt sind. Die Philosophin Martha Nussbaum hat im Rahmen ihrer theoretischen Arbeit für die Entwicklungshilfe der UN eine Liste mit Grundfähigkeiten erstellt, die für ein menschenwürdiges Leben unabdingbar sind. Neben körperlicher Integrität oder Mitbestimmung der eigenen Umstände hat sie auch die Möglichkeit zu Spielen darin aufgenommen. Wird Menschen diese Möglichkeit verwehrt, wird das als ein fundamentaler Eingriff in die Lebensqualität empfunden.

Warum ist Spielen so wichtig?
Spielen kann viele verschiedene Funktionen übernehmen - es macht Spaß, trainiert unsere Fähigkeiten, schafft Zusammenhalt und vieles mehr. Schiller schrieb einmal "Der Mensch ist nur ganz Mensch, wo er spielt". Das meint in etwa, dass wir beim Spiel alle unsere Fähigkeiten aktivieren und ihnen eine Richtung geben. Denken Sie einmal daran, wie sehr Menschen von Spielen wie Fussball oder Rollenspielen absorbiert werden können. Es ist, als ob sich die großen Lebensthemen im Kleinen konzentrieren.

Welche Spiele motivieren und verbinden?
Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Menschen sprechen typbedingt auf unterschiedliche Spiele an - und das kann sich auch in den Lebensphasen ändern. Außerdem sind Spiele so unterschiedlich, dass es vermutlich keine Eigenschaft gibt, die allen Spielen gemeinsam ist. Viele begeistern sich für Spiele, die in Gruppen stattfinden - weil dort die komplexen Gruppenprozesse ins Spiel hineinverlagert werden können. Und häufig sorgt ein Element des Zufalls, des Unkontrollierbaren für ein intensives Spielerlebnis - so wie bei dem Klassiker "Mensch, ärgere dich nicht". Es ist dann wie im Leben: Wir müssen gut mit dem Umgehen, auf das wir keinen Einfluss haben und wir sehen auch, wie die anderen das tun.

Was sind die Vorteile spielerischer Wissensvermittlung?
Zunächst einmal macht es mehr Spaß, das heißt die Aufmerksamkeit ist größer und wird länger gehalten. Wenn es gut gemacht wird, dann bekommt das Wissen im Spiel einen Sinn. Es sind dann keine abgelösten Wissens-Bausteine, die nur auswendig hergesagt werden, sondern das Wissen wird gleich bei der Anwendung gelernt. Erstens ist das für den Betreffenden ein erfüllendes Erlebnis, weil er in der Anwendung des neu Gelernten ein Erfolgserlebnis hat. Und zweitens wird es auf diese Art viel besser erinnert. An diese vielfältige und anthropologisch grundlegende Art des Lernens sollte wir dringend wieder mehr anschließen. Auch und gerade in der Marken-Kommunikation mit Kids und Teens.

Vielen Dank für das Interview!

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